DBT Newsletter #24/2016

IT-Firmen werben um Fachkräfte aus Zentral- und Osteuropa

Experten-Mangel ist „Wachstumsblocker schlechthin“, Foto: APA (dpa)







„Österreichs Unternehmen leiden unter chronischem Fachkräftemangel bei Software-Entwicklern, nur eine von vier offenen Stellen kann besetzt werden“, sagt Benjamin Ruschin, Geschäftsführer der Wiener WeAreDevelopers GmbH. Weil der Bedarf mit einheimischen Programmierern nicht zu decken ist, will man jetzt gezielt Spezialisten in den umliegenden Ländern in Zentral- und Südosteuropa anwerben.

„Bis 2020 könnten im gesamten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm.) 40.000 neue Arbeitsplätze entstehen“, schätzt die Bundesvorsitzende der Jungen Industrie, Therese Niss, den einschlägigen Bedarf. Der Fachkräftemangel sei ein „Wachstumsblocker schlechthin“. So schnell kommt man in Österreich aber mit der Ausbildung der benötigten Experten nicht nach – daher blicken die heimischen Unternehmen bei der Personalsuche immer öfter auch über die Grenzen und greifen zur Selbsthilfe.

2013 gründete Ruschin gemeinsam mit Sead Ahmetovic die „WeAreDevelopers Conference“ (http://www.wearedevelopers.org), mit dem Ziel, IT-Fachkräfte und Arbeitgeber zusammenzubringen. Inzwischen ist sie laut Ruschin die mit Abstand größte Konferenz für Developer und IT-Spezialisten in Zentral- und Osteuropa und erlebt im kommenden Jahr ihre dritte Auflage. Rund 2.500 Developer und IT-Fachkräfte werden am 11. und 12. Mai in Wien erwartet.

Die Stadt Wien unterstützt die Konferenz mit der Location, der Marx-Halle im 3. Bezirk. Dort werden an den beiden Tagen auf einer Fläche von mehr als 9.000 Quadratmetern Vorträge, Workshops, Round Tables, One-to-One-Sessions, sowie eine Expo zu den Themen Web/Mobile/Software Development, Internet of Things, Robotics, Virtual Reality, Augmented Reality, IT Security und Development Platforms stattfinden.

Teilnehmer aus Bosnien, Serbien, Kroatien

„Es gibt für Unternehmen zwei Möglichkeiten, um die benötigten Fachkräfte zu bekommen“, erklärte Ruschin. „Die eine ist, Sie verlassen den Standort Österreich und ziehen ins Ausland. Es gibt aber auch die andere Möglichkeit, dass wir uns Fachkräfte aus dem Ausland nach Österreich holen. Und zu diesem Zweck werden 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer dieser Konferenz – wir sprechen da von 700 Personen – aus den zentral- und osteuropäischen Ländern kommen, sprich Bosnien, Serbien, Kroatien usw.“

Eine der wesentlichen Ursachen des Fachkräftemangels ist nach Ansicht der Unternehmer der Bildungsbereich. „Wir müssen das Bildungssystem von Anfang an reformieren“, fordert Niss. „Wir müssen schon im Kindergarten anfangen, die Kinder für Technik zu interessieren und auch in der Volksschule die Liebe zu diesen Themen wecken.“ Die Digitalisierung sei „ein Trend, den niemand mehr aufhalten kann. Entweder Österreich spielt mit oder spielt nicht mit, und es wäre besser, wenn wir mitspielen würden.“

Mit dem Buzzword „Digitalisierung“ werde oft zu Unrecht die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen geschürt, sagte Niss. „Unsere Aufgabe hat es zu sein, die Chancen der Digitalisierung aufzuzeigen.“

Universitäre Ausbildung nicht entscheidend

Dabei sei universitäre Ausbildung nicht entscheidend, betonte Sead Ahmetovic, einer der Initiatoren der WeAreDevelopers Conference. „Die Technologien entwickeln sich so rasch weiter, das kann man gar nicht in eine universitäre Ausbildung packen, für den Großteil der IT-Jobs ist eine akademische Ausbildung auch gar nicht notwendig.“ Gebraucht würden z. B. HTL-Absolventen mit EDV-Spezialisierung oder Wirtschaftsinformatiker.

Ähnlich sieht es auch Marcin Kotlowski von der EurocommPR GmbH, einem Unternehmen der Wien Holding, das bei der Bewerbung in Süd-und Zentraleuropa unterstützt. „Wenn wir von jedem Entwickler oder Programmierer ein Studium verlangen, schaffen wir einen Flaschenhals.“

„Wir nehmen sehr viele Leute von Fachhochschulen“, sagte Peter Simeonoff, Geschäftsführer des IBM Client Innovation Center Austria. Ideal seien Kombinationen, so seien etwa Biotechnologen sehr gefragt. „Wir haben ein ureigenstes Interesse an dieser Konferenz“, betonte Kotlowski. „Man schafft damit einen Signaleffekt für den Standort Wien, wir wollen eine Leuchtturmrolle in der Region einnehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Service: Die „WeAreDevelopers Conference 2017“ findet am 11. und 12. Mai in der Marx-Halle im 3. Bezirk statt. Nähere Informationen gibt es unter http://www.wearedevelopers.org

Digitalisierung erfordert neue Weiterbildungsformen

Hoffnung ruht auf höherqualifizierten Arbeitsplätzen, Foto: APA (dpa)





Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelten schreitet unaufhaltsam voran. Für Infrastrukturminister Jörg Leichtfried (SPÖ) ist es daher auch keine Frage, ob man bei der Entwicklung dabei sein will oder nicht. Es gehe darum, ob man nur mitschwimme oder vorangehe. Vorangehen sei angesagt. Arbeiterkammer-Präsident Rudolf Kaske fordert neue Formen der Weiterbildungsmöglichkeiten.

Beweis fürs Vorangehen soll unter anderem die Plattform Industrie 4.0 sein. Sie unterstützt Firmen beim Umstieg auf Digitalisierung. Bei einer Pressekonferenz formulierten Leichtfried, Kaske und die Obfrau des Fachverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI), Brigitte Ederer, zahlreiche Forderungen. Deren Umsetzung sei nötig, damit die vielen potenziellen Vorteile aus den Umwälzungen der digitalen Ära voll nutzbar werden. Einig waren sich die drei Proponenten mit dem Vorstandschef der Plattform, Kurt Hofstädter, darüber, dass schlussendlich zumindest ein Nullsummenspiel zwischen wegfallenden und neu entstehenden Jobs drin sei. Leichtfried hofft auch auf viele gut bezahlte höherqualifizierte Arbeitsplätze.

Bündel an Kompetenzen notwendig

Vieles, was lange Zeit selbstverständlich war, sei neu zu regeln, so Kaske. Es brauche für die digitale Zukunft Qualifizierungsmaßnahmen für die Arbeitnehmer. „Eine Industrie-4.0-Kompetenz gibt es aber nicht, es ist ein Bündel an Kompetenzen.“ So würde die Bedeutung von Planungs-, Organisations-, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit steigen. Dazu kämen berufliches und betriebliches Erfahrungswissen sowie Online-Kompetenz – „und dazu braucht es die Rahmenbedingungen, um die Kompetenzen zu erwerben“.

Also schlägt Kaske vor, das Fachkräfte-Stipendium, die Bildungskarenz und -Teilzeit durch eine „neues Qualifikationsgeld“ zu ersetzen. Das Recht auf Weiterbildung müsse so gestaltet sein, dass eine sichere Existenz auch bei einer längeren Weiterbildungsphase möglich ist, so der AK-Präsident. Er ist für ein „einfacheres System zur Finanzierung des Unterhalts als derzeit“ bei Weiterbildungen. Es gehe darum, „deutlich besser dem digitalen Wandel zu entsprechen“.

Leichtfried sprach von einem „Konfigurieren der Menschen und Technik“, was ein Qualifizierungspaket erfordere. Da müsse man auch über künftige Ausformungen des Steuersystems nachdenken. Der Sozialdemokrat dachte über die Arbeit von Robotern nach, die vielleicht als Arbeit im herkömmlichen Sinn betrachtet werden müsse, ohne das Wort Wertschöpfungssteuer in den Mund zu nehmen. Auch eine Ökologisierung des Steuersystems sei ein Punkt.

Produktion wieder zurückholen

Kaske und Ederer waren überzeugt, dass es künftig dank der Digitalisierung mehr Jobs geben wird. Hofstädter sah eher einen Arbeitskräftemangel auf Digitalisierungsbranchen zukommen, „wenn der Boom kommt“. Ederer hoffte gar, dass manche Produktion wieder zurück nach Österreich kommen könnte. Kaske gab aber zu bedenken, dass durch die Entwicklungen in der Branche sehr wohl Jobs wegfallen werden. Die Wertschöpfungsabgabe alleine sei zu kurz gedacht, so Kaske. Es brauche ein Bündel an Maßnahmen, um den Staat und Sozialstaat künftig zu finanzieren.

Über die Plattform mit 36 Mitgliedern und 200 Mit-Forschern werden verschiedene Facetten der Digitalisierung erforscht und Lösungen von Produktionstechnologien über Weiterbildung und Arbeit erarbeitet. Mit dem „Industrie 4.0- Check“ können Betriebe bald überprüfen, wie gut sie für die Umstellung auf die Digitalisierung gerüstet sind und welche Schritte als nächstes angebracht sind.


Computerwissenschaft will sichtbarer werden

Gesellschaftliche Debatten setzen Technologieverständnis voraus, Foto: APA (AFP)






Die Digitalisierung schreitet in sämtlichen Lebens- und Arbeitswelten voran. Für die Computerwissenschaften ergeben sich daraus Chancen, aber auch die Herausforderung, „sichtbarer“ zu werden. Kinder sollten schon von klein auf Programmieren und „Computational Thinking“ lernen, forderte Thomas A. Henzinger, Präsident des IST Austria, bei einer Podiumsdiskussion an der Technischen Universität Wien.

„Die Gesellschaft, in der wir leben, wird überall von Informatik unterstützt, nichts mehr würde noch ohne sie funktionieren, so zum Beispiel Kommunikation, Handel, Transport, Medizin, Bildung, Zugang zu Informationen oder auch Politik. Es gibt keinen Bereich, der nicht tiefgreifend durch Informatik verändert worden ist, aber für die meisten Menschen ist das überhaupt nicht in der Wahrnehmung vorhanden“, sagte Carlo Ghezzi, Professor für Software Engineering am Politecnico di Milano, im Rahmen der Diskussion „Why Computer Science Matters“.

Die Unsichtbarkeit dieser Technologie liegt laut Ghezzi vielen Problemen, die es zur Zeit gibt, zugrunde. Auch seien die Menschen immer noch nicht genügend ausgebildet, um in einer „Cyber Welt“, wie wir sie heute haben, leben und mit den neuen Herausforderungen umgehen zu können. Sichtbar sei immer nur eine banale Oberfläche, die nichts von der Komplexität darunter ahnen lässt.

Frühe Bildung

Um überhaupt gesellschaftliche Debatten führen zu können, brauche es ein größeres Verständnis bei der Bevölkerung, was mit Computerwissenschaften möglich ist und was nicht. Thomas A. Henzinger, Präsident des Institute of Science and Technology (IST) Austria, plädierte für eine weit früher ansetzende Bildung. Schon von klein auf sollten Kinder Programmieren und „Computational Thinking“ lernen, um später abschätzen zu können, wo Probleme und Gefahren liegen. Auch würden jetzt schon 80 bis 90 Prozent aller Jobs Kenntnisse in Informatik verlangen.

J.M. Akkermans, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Freien Universität Amsterdam, sieht die Anfänge der Computerwissenschaften bei der Aufklärung, dem stetigen Streben nach neuem Wissen. Computerwissenschaft, die Verbindung von Wissenschaft mit Technologie, trat demnach hervor als Symbol der Automatisierung der geistigen Arbeit, des Dienstleistungssektors. Vergleichbar mit den Auswirkungen der Dampfmaschine in der Industriellen Revolution seien manche Auswirkungen erwünscht, manche nicht. Akkermans sieht so die Aufklärung als einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Neues Wertesystem

„Was fehlt, ist ein Wertesystem“, erklärte Gerti Kappel, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der TU Wien: „Bei dem Aufkommen der ersten Autos gab es auch solche Diskussionen, ob das nicht zu gefährlich sei, aber jetzt haben sich Verhaltensregeln etabliert.“ Etwas ähnliches – natürlich komplexer, da Computer auch komplexer als Autos seien –, bräuchte die Gesellschaft nun auch: „Ein Wertesystem, angepasst an das, was wir hier konstruiert haben.“

In einem interdisziplinären Diskurs sollen sich nicht nur Soziologien und Philosophen mit den Herausforderungen beschäftigen, die sich durch die fortschreitende Digitalisierung ergeben, sondern auch Computerwissenschafter. Akkermans: „Wir müssen die Menschenrechte, Bürgerrechte und das Verständnis von Privatsphäre neu denken und definieren.“

Service

Frohe Weihnachten & einen guten Rutsch

Digital Business Trends







Ein erfolgreiches zweites Jahr der Veranstaltungsreihe Digital Business Trends (DBT) neigt sich dem Ende zu. Wir freuen uns, auch nächstes Jahr gemeinsam mit Ihnen den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten. 2017 melden wir uns mit zehn Veranstaltungen in Wien, Graz und Linz mit aktuellen Themen zurück.

Bevor wir jedoch neu durchstarten, wünschen wir Ihnen frohe Weihnachten, erholsame Tage und ein erfolgreiches neues Jahr!

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