DBT Newsletter #19/2017

 

Blockchain & Co: Hype, Revolution - oder beides?

Das Web der Zukunft ist dezentral, Foto: APA (dpa)






Für die einen bedeutet sie eine bahnbrechende Technologie, die eine neue Generation des Internet einläutet und mit der Kryptoökonomie ein völlig neues Wirtschaftsmodell erschafft. Für die anderen ist der Hype um Blockchain und ihre bekannteste Anwendung Bitcoin eine Blase, die schon bald wieder platzen könnte. Wohin die Reise geht ist ungewiss, langweilig wird sie keinesfalls.

Im Prinzip kann man sich die Blockchain wie ein digitales Kassenbuch vorstellen, das Transaktionen mit kryptographischen Verfahren in einer Kette von Datensätzen (Blöcken) gleichzeitig auf viele Rechner verteilt, also dezentral abspeichert. Manipulationen werden so zwar nicht gänzlich unmöglich, aber extrem unwahrscheinlich, weil die Daten auf allen beteiligten Rechnern verändert werden müssten. Worüber Buch geführt wird, spielt keine Rolle: ob Werte einer Währung (Bitcoin), Grundbucheintragungen oder die Verrechnung einer Taxifahrt. Entscheidend ist, dass jede Transaktion auf der jeweils vorherigen aufbaut und Teil einer unveränderbaren Kette aus eindeutig identifizierbaren Datenblöcken wird.

Beginn im Jahr der Finanzkrise

Begonnen hat alles im Jahr der Bankenkrise 2008, als in einem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto veröffentlichten Dokument erstmals die Bitcoin-Technologie beschrieben wurde - als bewusste Alternative zum herkömmlichen Finanzsystem. 2013 hat dann Vitalik Buterin die Blockchain-basierte Plattform Ethereum mitgegründet. „Da ging es nicht mehr nur um Geld, sondern um sogenannte Smart Contracts - Programme in der Blockchain, die eine umfangreiche Automatisierung verschiedener Prozesse erlauben“, sagte Thomas Zeinzinger, Gründer des BlockchainHub Graz, vor kurzem bei einer Podiumsdiskussion der Plattform Digital Business Trends (DBT) in Linz.

Die im Grunde grenzenlosen Möglichkeiten haben auch Shermin Voshmgir vor gut drei Jahren bewogen, sich näher mit der Blockchain zu befassen. Die studierte Wirtschaftsinformatikerin las sich in die Thematik ein, startete einen Blog und fand sich in der Situation wieder, immer mehr Menschen zu erklären, worum es geht. Dieses sukzessiv gestiegene Interesse mündete in der Gründung des Blockchainhub in Berlin, einer „angewandten, selbst finanzierten, altruistischen Forschungseinrichtung“.

Ziel war es dabei von Anfang an, Blockchain der Allgemeinheit verständlich zu machen, „weil es eine Basistechnologie unserer zukünftigen Gesellschaft ist, auf die man alles aufbauen kann“. Nach der Erfindung von E-Mail und World Wide Web Ende der 1980er-Jahre und dem interaktiveren „Web 2.0“ mit Social Media und dem Entstehen von E-Commerce-Plattformen zehn Jahre später, spricht man nun vom Web 3 - mit Blockchain als einer, aber nicht alleiniger Zukunftstechnologie, wie Voshmgir betont. „Aber Blockchain ist schon ein massiver Game Changer, genauso wie es Künstliche Intelligenz ist oder das Internet der Dinge.“ Spannend werde die Verschränkung dieser Technologien werden, die letztlich alle aufeinander aufbauen sollen.

It's cryptoeconomics, stupid!

Diese Vorgänge stellen im Kern den Anfangspunkt der Kryptoökonomie dar, an deren Zukunft wird jetzt aber erst intensiv geforscht, sagt Voshmgir: „Kryptoökonomie ist die Zukunft, nicht die Blockchain. Blockchain ist die erste Generation einer neuen Schule der Ökonomie, die wir Cryptoeconomics nennen.“ Potenziell sei die Technologie wie ein Betriebssystem, das Menschen erlaube, sich neu zu organisieren - rund um einen Token, der mit sozioökonomischen Anreizmechanismen ein Netzwerk von dezentralen Akteuren steuert.

Sich aktiv mit der Technologie zu beschäftigen, scheint angesichts dessen nicht die schlechteste Idee zu sein. Im Bereich Forschung und Lehre hat sich in Österreich bereits eine durchaus aktive Blockchain-Community etabliert. Neben mehreren Lehrveranstaltungen an Hochschulen mit Blockchain- oder Kryptowährungs-Bezug widmet sich in Wien das Forschungsinstitut RIAT (Research Institute for Arts & Technology) dem Thema. In der Steiermark ist der Blockchainhub Graz aktiv, und in Salzburg forscht daran SBA Research, um nur einige zu nennen. Das Wissenschaftsministerium hat heuer die Initiative „Blockchain Austria“ mit einem „9-Punkte-Plan für Österreich“ ins Leben gerufen. Weitere Initiativen und Vereine sind dem Vernehmen nach soeben im Entstehen begriffen. Konkret ist bereits die Absicht, an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien einen eigenen Forschungs-Schwerpunkt für Cryptoeconomics zu gründen.

Bevor sich Blockchain aber als Basistechnologie durchsetzt, müssen viele Herausforderungen bewältigt werden. Für das dezentrale Web der Zukunft ist Blockchain nur eine von vielen Technologien, aber eine sehr mächtige. „Wir müssen sehr aufpassen, wie wir die Datenstrukturen drum herum bauen: Haben wir Privacy by Design oder nicht?“, warnt Voshmgir vor durchaus möglichen Fehlentwicklungen. Statt einer „universellen Befreiungsmaschine“, die mehr Demokratie bringt, könnte man sich auch rasch mit einer „universellen Kontrollmaschine“ konfrontiert sehen, die nicht nur alles über jeden weiß, sondern auch Gesetze automatisch ausführen könne.

Service: Ein umfangreiches Dossier mit Expertenmeinungen, ausführlichen Fragen und Antworten zum Thema lesen Sie unter http://science.apa.at/dossier/blockchain


Kanzleramts-Bericht rüttelt am Geschäft mit staatlichen Daten

Empfehlung:





Aktuell veröffentlichen nur sechs Ministerien offene Verwaltungsdaten im Internet - allen voran die Ergebnisse der jüngsten Nationalratswahl, die auf data.gv.at gestellt wurden. Das Kanzleramt hat nun in einem aktuellen Bericht das Potenzial für „Open Data“ im Bundesbereich erhoben, empfiehlt der nächsten Regierung einen „Veröffentlichungsplan“ und rüttelt am Geschäft mit Daten des Staates.

Erstellt wurde das „Open Government Data-Screening“ vom Kanzleramt gemeinsam mit den Ministerien und dem Zentrum für Verwaltungsforschung (KDZ). Die scheidende Regierung hatte sich ja zum Ziel gesetzt, bis Ende 2020 alle Daten der öffentlichen Verwaltung nach Möglichkeit als „Open Data“ zur Verfügung zu stellen. „Das erhöht einerseits die Transparenz und schafft auch die Basis für Geschäftschancen für innovative Unternehmen und Start-ups“, heißt es dazu im Regierungsprogramm.

Die Ministerien haben nun in Summe 711 Datensätze gemeldet und bewertet, ob (und wenn ja mit welchem Aufwand) die Daten veröffentlicht werden könnten. Ergebnis: 382 Datensätze scheinen laut Bericht „auf jeden Fall für die Veröffentlichung geeignet“. Auffällig ist allerdings, dass das Justizministerium die Frage, ob eine Veröffentlichung gewünscht ist, in keinem einzigen Fall bejaht hat. Dabei sitzt gerade das Justizministerium auf besonders umfangreichen Datenbanken, da es das Firmenbuch und das Grundbuch verwaltet.

23 Mio. Euro durch Firmenbuch und Grundbuch

Beide Datenbanken sind schon jetzt grundsätzlich öffentlich einsehbar, Internet-Abfragen sind aber kostenpflichtig. Die Öffnung des Firmenbuchs und des Grundbuchs würde das Justizministerium 23 Mio. Euro kosten. Diese Summe nimmt das Ministerium nach eigenen Angaben jährlich durch den Verkauf von Informationen aus den beiden Datenbanken ein. Grundlage dafür sei das „Informationsweiterverwendungsgesetz“. „Eine Veröffentlichung als Open Data wäre mit diesen Bestimmungen nicht vereinbar“, hießt es im Ministerium.

An diesem Geschäftsmodell rüttelt der Bericht nun allerdings. Er empfiehlt nämlich auch, die großen Register des Bundes sowie seine ausgelagerten Firmen in die Offenlegungs-Strategie einzubinden. „Geschäftsmodelle wie die 'Verrechnungsstellen' des Bundesministeriums für Justiz entstammen den 1990er-Jahren und sollten überdacht werden“, heißt es in den Empfehlungen. Daher müsse man auch grundsätzlicher über den gesetzlichen Auftrag dieser Einrichtungen und über die budgetären Folgen verhandeln: „Sofern der Verkauf von Daten als Kerngeschäftszweig solcher Einrichtungen dient, wird die Freiwilligkeit (der Veröffentlichung, Anm.) aus verständlichem Eigeninteresse auf Grenzen stoßen.“

Daten nicht maschinenlesbar veröffentlicht

Außerdem beklagt der Bericht, dass das „datenzentrierte Denken und das pro-aktive Handeln“ in einzelnen Ressorts noch nicht verankert sei. Ein gesteigertes Bewusstsein wird aber registriert: In einem ersten Screening 2012 wurden von den Ministerien nämlich nur 60 Datensätze gemeldet, nun war es ein Vielfaches. Zudem würden viele Datensätze zwar schon jetzt veröffentlicht, allerdings nur in PDF-Dateien und somit nicht maschinenlesbar. Dies bedeutet in der Praxis, dass Analyse und Weiterverarbeitung der Daten de facto verunmöglicht wird.

„Das Screening zeigt, dass es in den einzelnen Ressorts noch Möglichkeiten gibt, um einen bestehenden Datenschatz zu heben“, sagte Kanzleramts-Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) dazu in einer Stellungnahme. Open Data fördere Transparenz und Mitbestimmungsmöglichkeiten und öffne Firmen neue Geschäftsmodelle. Der Bericht fordert daher einen Veröffentlichungsplan für vorhandene Daten, Schulungen sowie die Einbeziehung der ausgegliederten Dienststellen und der großen Register des Bundes.

Service: Der Bericht des Kanzleramts im Internet unter http://go.apa.at/JYF2hf9k.

„Onkel Xi“ als „Big Brother“: Neue Ära totaler Überwachung in China

Laut Experten droht „digitaler Leninismus“, Foto: APA (AFP)





China plant die totale Überwachung. In der „neuen Ära des Sozialismus chinesischer Prägung“, die Xi Jinping mit Abschluss des Parteikongresses in Peking eingeläutet hat, ist der Aufbau eines weltweit einmaligen digitalen Kontrollapparats geplant. Ein „gesellschaftliches Bonitätssystem“ soll jeden Chinesen erfassen und seine „Vertrauenswürdigkeit“ mit Plus- und Minuspunkten einstufen.

Wie der „Große Bruder“ (Big Brother) in George Orwells Roman „1984“ greift „Onkel Xi“ (Xi Dada), wie der Staats- und Parteichef genannt wird, tief in Alltag und Privatsphäre seines Volkes ein. „Es ist zweifellos das ehrgeizigste orwellsche Vorhaben der Menschheitsgeschichte“, sagt Sebastian Heilmann, Direktor des China-Instituts Merics in Berlin, der von „digitalem Leninismus“ spricht. Galt der Informationsfluss über das Internet lange als Bedrohung für autoritäre Systeme in der Welt, benutzt Chinas kommunistische Führung vielmehr Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) wirksam als Werkzeug, um das Milliardenvolk zu kontrollieren.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton sagte bei einem Besuch 2000 in Shanghai, das Internet kontrollieren zu wollen, sei „wie Wackelpudding an die Wand zu nageln“. Er lachte noch: „Viel Glück damit.“ Clinton lag falsch. Heute lachen Chinas Führer. Sie schaffen es nicht nur, Online-Inhalte zu zensieren und zu steuern, sondern nutzen das Internet auch als Herrschaftsinstrument.

„Das Ziel des Systems ist, eine gute soziale Ordnung und eine harmonische Entwicklung zu schaffen“, sagt Guo Tao, Unterstützer des Projekts und Vizedirektor des Zentrums für elektronischen Handel, in dem Experten von Universitäten und Instituten zusammenarbeiten. „Die Bonität einer Person lässt sich von einfachen Dingen ableiten“, schildert der Experte: Ob er seine Stromrechnung rechtzeitig bezahlt, gegen Verkehrsregeln verstößt, Gerichtsbeschlüsse befolgt, seine Kredite regelmäßig abbezahlt und Verträge einhält.

Alles fließt in „Note“ ein

Ob sich jemand nur mit Spielen im Internet vergnügt oder das Parteiorgan „Volkszeitung“ liest - alles könnte künftig benotet werden, schildern Experten. Erst recht Kritik in sozialen Medien oder politische Aktivitäten. „Viele Dissidenten tun gefährliche Dinge, die der Entwicklung des Landes schaden“, sagt Guo Tao. Wer nicht in „Pornografie, Gewalt und politische Opposition“ verwickelt sei, habe nichts zu befürchten.

Das System „erhöht den Preis für unrechtmäßiges Verhalten“, schildert Guo Tao. „Wer einmal seinen Kredit verspielt hat, wird es schwer haben, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.“ Schon heute wird befürchtet, dass es mit schlechten „sozialen Noten“ schwierig werden könnte, sein Kind auf eine gute Schule zu bringen, einen Studienplatz und Job zu bekommen oder einen Kredit aufnehmen zu können.

Wann ist man vertrauenswürdig?

Aber wie wird „Vertrauenswürdigkeit“ überhaupt definiert? Ganz einfach, findet Guo Tao: „Alle Worte und Taten, die gut für Land und Volk ist, gelten als gutes politisches Verhalten.“ In sozialen Medien sollten sich Nutzer auf jeden Fall zurückhalten. „Ich würde dazu raten, dass einfache Leute es vermeiden, zu viel über Politik zu diskutieren.“ Und was ist, wenn eine falsche Information zu schlechten Noten führt? „Das System steckt noch in der Anfangsphase“, sagt Guo Tao. Das sei noch nicht geregelt. Vielleicht müsse der Betroffene dann eben nachweisen, dass die Information falsch sei.

Die Komplexität des Systems, das der Staatsrat bis 2020 aufbauen will, ist enorm. In der Endversion steuern sich die Menschen selbst - wie gefügige Untertanen, die fleißig arbeiten und konsumieren, sich selbst zensieren und „sozial funktionieren“, wie Kritiker warnen.

 

Aus der Wissenschaft:

IT-Sicherheitslücken – Gefahr für die Produktionstechnik
Production security01.jpg: IT-Sicherheit - in der Produktionstechnik ein wichtiges Thema, Bild: © TU Wien





Bei großen Softwareprojekten ist es heute selbstverständlich, von Anfang an über Sicherheitsaspekte nachzudenken. Aber wie ist das, wenn man eine neue Maschine oder ein neues Stahlwerk plant? Immer stärker wird die Produktionstechnik von moderner IT bestimmt, Cyber-Physical Systems revolutionieren unsere Industrie. Das öffnet aber auch völlig neue Sicherheits-Schwachstellen. Schon bei der Entwicklung von Industrieanlagen muss man Sicherheitsaspekte berücksichtigen, sagt Edgar Weippl, IT-Security-Experte von der Information & Software Engineering Group an der TU Wien. ...

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