DBT Newsletter #17/2016

Crowdwork – neue ungeregelte Arbeitswelt

Derzeit agiert man in einer rechtlichen Grauzone, Foto: APA (dpa)






Die Arbeiterkammer (AK) will Menschen, die als Crowdworker arbeiten, unterstützen und fordert eine EU-Richtlinie zur Regulierung. Die Bundesregierung sollte diese initiieren und während Österreichs EU-Präsidentschaft 2018 zum Abschluss bringen, regte AK-Präsident Rudolf Kaske bei einer Pressekonferenz in Wien an. Laut einer Studie ist Crowdworking in Österreich bereits vielfach vertreten.

Beim Crowdworking ist die Arbeit in viele kleine Arbeitsschritte zerteilt, die Arbeit wird online angeboten. „Wir wollen Crowdworking keinesfalls verhindern, aber es braucht Mindeststandards und taugliche Rahmenbedingungen, so dass Crowdworker nicht ausgebeutet werden“, betonte Kaske. Derzeit finde Crowdworking in einer rechtlichen Grauzone statt, erläuterte AK-Expertin Sylvia Kuba. Die Abgrenzung zur Selbstständigkeit sei schwierig. Bisher gab es auch kaum empirische Daten zu Crowdwork in Österreich, erläuterte die Professorin der University of Hertfordshire, Ursula Huws, bei der Präsentation der Studie zu „Österreichs Crowdworkszene“.

Bei einer Online-Befragung von 2.003 österreichischen Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren wurden vom Umfrageinstitut Ipsos Mori im Zusammenarbeit mit der Think Tank Foundation for European Progressive Studies (FEPS) und der AK Wien Daten gesammelt. Demnach hat mehr als ein Drittel der Befragten im vergangenen Jahr versucht, Arbeit über Share-Economy-Plattformen wie Upwork, Clickworker oder MyHammer etc. zu finden. Allerdings war nur die Hälfte der Suchenden (18 Prozent) dabei erfolgreich und fand tatsächlich eine Tätigkeit. Neun Prozent der Befragten machen Crowdwork mindestens einmal im Monat, fünf Prozent mindestens einmal pro Woche.

„Crowdworking ist nichts für Reiche“

Nur für eine kleine Minderheit von 2 Prozent der befragten Crowdworker stellt diese die einzige Einkommensquelle dar. Allerdings machen die Einnahmen aus dieser Arbeitsform bei 11 Prozent nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus. Für 59 Prozent kommt aus Crowdwork weniger als die Hälfte ihres Einkommens, 30 Prozent machten dazu keine Angaben. „Crowdworking ist nichts für Reiche“, stellte Kuba fest: Fast die Hälfte der befragten Crowdworker, die ihr Einkommen angegeben haben, verdienen insgesamt (nicht nur aus Crowdarbeit) weniger als 18.000 Euro pro Jahr, weitere 43 Prozent verdienen zwischen 18.000 und 36.000 Euro. Nur 3 Prozent verdienen mehr als 60.000 Euro pro Jahr.

Gesucht wird von einem Drittel aller Befragten Arbeit auf Plattformen wie Freelancer, Upwork oder Clickworker, der sie online von zu Hause aus nachgehen können. Da diese Arbeiten von überall ausgeführt werden können, stehen Österreicher mit Menschen aus Osteuropa, Indien, Amerika usw. in direkter Konkurrenz. 20 Prozent der Befragten suchen über Plattformen wie BookaTiger oder MyHammer nach Arbeit, die offline und in Räumen anderer Leute durchgeführt wird, wie Reinigungs-, Tischler- und Gartenarbeiten. 16 Prozent suchen nach Arbeit als Fahrer für Unternehmen wie Uber, Checkrobin oder Blablacar.

Die Crowdworker arbeiten am häufigsten im Bereich Büroarbeit, kleiner Aufgaben oder Clickwork (74 Prozent), gefolgt von auf dem eigenen Computer durchgeführten Arbeiten im kreativen oder IT-Bereich (62 Prozent). Persönliche Dienstleistungen erbringen 44 Prozent, Taxidienst oder anderes im Transportbereich machen 48 Prozent. Etwa 43 Prozent der Crowdworker sind weiblich, 57 Prozent sind männlich. Zwar sind viele Crowdworker eher jünger, immerhin 13 Prozent sind zwischen 55 und 65 Jahren alt. Das Vorurteil, Crowdworking sei der typische Studenten-Nebenjob, stimmt laut Umfrage nicht: Unter den aktiven Crowdworkern der Umfrage studierten nur 11 Prozent.


Informatiker fordern mehr „digitales Denken“ im Bildungssystem

Einschlägige Ausbildungen für Pädagogen gefordert, Foto: APA (dpa)






Bei der Verankerung von Informatik und „digitalem Denken“ im Bildungssystem ist nach Ansicht von Vertretern der IKT-Branche viel Zeit verschwendet worden. Im Rahmen der von der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) gestarteten Initiative „Bildung 4.0“ forderten sie bei einer Pressekonferenz durchgehenden Informatik-Unterricht und eine Grundausbildung für Pädagogen.

Seitens der OCG arbeite man bereits seit sehr langer Zeit daran, „Computational Thinking“ (auf Deutsch: „Informatisches Denken“) prominenter auf die bildungspolitische Agenda zu setzen. „Leider mit bisher überschaubarem Erfolg“, wie OCG-Präsident Markus Klemen erklärte. Die Diagnose, dass ein Einblick in die Welt des Programmierens in Zukunft zu einem noch wichtigeren Faktor am Arbeitsmarkt und für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes wird, höre man zwar allerorts und insbesondere auch von Politikern. Tatsächlich tue sich an Schulen und Kindergärten jedoch wenig.

Die Gesellschaft bemühe sich in dem Bereich zwar, auf Kinder und Jugendliche zuzugehen, „wir brauchen aber mehr Unterstützung von der Politik“, sagte Klemen. Darum möchte man im Rahmen von „Bildung 4.0“ in Kooperation mit dem Verband Österreichischer Software Industrie (VÖSI), Digital City Vienna, dem Branchenzusammenschluss ICT Austria, der Schweizer Informatik Gesellschaft (SI) sowie zusammen mit Unternehmen wie IBM, Microsoft und Oracle den Forderungen neuen Nachdruck verleihen.

Es gebe schon seit einiger Zeit auch in Österreich vielversprechende Programme, mit denen bereits Kinder im Alter von fünf oder sechs Jahren spielerisch Zugänge zu jener Grundmaterie bekommen, aus der dann viele Anwendungen gestrickt werden, die sie etwa am Smartphone bereits sehr jung nutzen. Dazu brauche es auch nicht überall unbedingt Rechner-Infrastruktur: Man könne „Computational Thinking nämlich auch ohne Computer üben“, erklärte Gerald Futschek von der Fakultät für Informatik der Technischen Universität (TU) Wien. Wichtig wäre ein durchgehender Unterricht in dem Bereich über alle Schulstufen hinweg, wie das in Ländern wie Großbritannien, Südkorea oder der Slowakei bereits der Fall ist. Außerdem brauche es eine möglichst flächendeckende Mindestqualifikation für Pädagogen.

„Erschütterndes Bild“

Beim Blick auf Österreich sei das Bild aber eher „erschütternd“, sagte Wolfgang Horak, Geschäftsführer von ICT Austria. An AHS habe man immer noch lediglich zwei Stunden Informatik-Unterricht in der 5. Klasse, und hier liege der Fokus vor allem auf der Anwendung von Programmen wie Word, Excel oder Power Point. „Wir sind hier viel, viel zu spät“, so Horak.

Eine „dramatische Situation“ – auch an den Unis – ortete der Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, Gerald Bast. Jugendliche müssten mehr darüber wissen, „wie die digitale Welt funktioniert“. Digitales Denken gehöre neben Lesen, Schreiben, Rechnen, einem Verständnis für wirtschaftliche Abläufe, Philosophie und kultureller Bildung mittlerweile zu einer der wichtigsten Voraussetzungen zur Teilhabe an der Gesellschaft.


IT-Forscher: „Technologien schaffen ihr eigenes Ökosystem“

Wer nicht mitmacht, verliert viele andere Vorteile, Foto: APA (dpa)






Über Chancen und Grenzen von Technologien sprach APA-Science mit dem griechischen Informatiker Vassilis Kostakos, Professor an der Universität Oulu (Finnland) am Zentrum für Ubiquitäres Computing, anlässlich einer internationalen PhD-Summer School an der Technischen Universität (TU) Wien, die die intelligente Stadt in den Mittelpunkt stellte.

Was genau bedeutet ubiquitäres Computing?

Kostakos: Vereinfacht gesagt heißt das, dass überall Computer sind. Es ist sozusagen eine historische Entwicklung: In den 70ern stand ein großer Computer in einem Raum, der von vielen benutzt wurde. Später folgte der klassische Desktop-PC zuhause. Heute wiederum verwenden wir ganz selbstverständlich viele unterschiedliche Computer – das Smartphone, die Smartwatch, den Laptop. Ubiquitäres Computing geht der Frage nach, welcher Schritt als nächstes kommt. Die Idee ist also, „computerisierte“ physische Objekte oder Räume zu haben – das Smart Home. Die Smart City ist seine Erweiterung.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?

Kostakos: Oft wird als Beispiel für das sogenannte „Internet der Dinge“ der Kühlschrank, der selbstständig Milch bestellt, sobald sie aufgebraucht ist, genannt – das sind aber eher Szenarien, die die Vorstellungskraft der Öffentlichkeit anregen sollen, sich weit in die Zukunft und weniger an die unmittelbare Forschung richten. Mich interessiert eher, was heute möglich ist und wir heute tun können. Viele Forscher konzentrieren sich derzeit auf das Mobiltelefon und seine Möglichkeiten. Anhand meines Handys lässt sich zum Beispiel feststellen, ob ich Schlafprobleme habe – wenn ich es regelmäßig mitten in der Nacht benutze und folglich nicht genug Schlaf bekommen kann. Wir können viele interessante Dinge über Menschen herausfinden, in dem wir ihr Nutzerverhalten untersuchen.

Auch ich versuche in meiner Arbeit, mehr über Menschen und ihr Verhalten anhand der Daten, die durch Technologien generiert werden, herauszufinden. Mein Fokus liegt auf den Daten im Smartphone und den multiplen Sensoren, die so ein Gerät haben könnte und wie man sie nutzen könnte.

In welchen Branchen steckt Potenzial für diese Technologien?

Kostakos: Nehmen wir etwa den Gesundheitssektor. Wenn ich zum Arzt gehe, verschreibt er mir vielleicht ein bestimmtes Medikament, das alle acht Stunden einzunehmen ist. Diese Empfehlung basiert auf statistischen Daten großer Studien. Der Trend geht jedoch in Richtung Präzisionsmedizin mit dem Ziel, eine individuell auf den Einzelnen zugeschnittene Therapie und Dosierung zu erhalten. Um das zu ermöglichen, muss die Software über den Patienten Bescheid wissen, beispielsweise eben über Schlafmuster. Natürlich stößt die Idee bei Datenschützern auf große Vorbehalte – aber nicht jedes interaktive Gerät sammelt Daten.

Ich arbeite an Projekten, wo wir mithilfe von Smartphones Menschen mit Depressionen beobachten. So können Änderungen im Kommunikationsverhalten festgestellt werden – wenn man etwa plötzlich aufhört, mit Freunden Kontakt zu haben oder anfängt, nach Schlüsselbegriffen wie Selbstmord zu suchen. Wir versuchen, Software zu bauen, die all diese Daten am Handy sammelt – und nicht zentral wie Google. Nichts soll das Mobiltelefon verlassen! Daten bleiben am Gerät und können vom User gelöscht werden.

Wie profitieren Bürger der Smart City von gesammelten Gesundheitsdaten?

Kostakos: Stellen ausreichend Einwohner einer Stadt ihre Daten zur Verfügung, kann die Stadt ihre Bürger besser verstehen und eine Politik betreiben, die deren Bedürfnissen besser entspricht. Ein Beispiel: Sollte etwa eine gefährliche Infektionskrankheit in Wien ausbrechen, würden höchstwahrscheinlich die reichen, mächtigen und bestinformierten Einwohner als erstes an Medikamente gelangen. Dabei wäre die zielführendste Strategie, zuerst die Ärmeren zu behandeln – denn sie sind exponierter, haben weniger Informationen, leben unter prekäreren Bedingungen. Hat man keine Daten, hat man nur Meinungen. Mit Daten und mehr Informationen hingegen lässt sich die Effektivität von Maßnahmen messen und sie können als fundierte Entscheidungsgrundlage dienen.

Potenzial steckt auch in Social Media. So haben wir eine Plattform gebaut, die Twitter in Echtzeit beobachtet und bei großen Ereignissen Tweets sammelt, filtert und analysiert – einen sogenannten „Crisis Tracker“, der Menschen, etwa Krisenmanager, mit „Situation Awareness“ ausstattet. Denn bricht etwa ein Erdbeben oder ein kriegerischer Konflikt aus, wird Twitter überflutet mit Nachrichten, es wird schwierig, einen Überblick zu erhalten und herauszufinden, was eigentlich los ist.

Können neue Technologien beitragen, Probleme der Urbanisierung zu lösen?

Kostakos: Erstens, Technologie kann nicht alles lösen. Zweitens, Kritiker kritisieren Technologien gerne dafür, Probleme nicht zu lösen, die sie nie zu lösen versucht haben. Baut man eine Smart City und verbessert den öffentlichen Verkehr, heißt es: Und was ist mit der Armutsbekämpfung? Technologie ist ein Werkzeug im Werkzeugkasten der Politiker.

Jedes Land hat seine individuellen Probleme – in Entwicklungsländern können es Themen wie sauberes Wasser, Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, Slumbildung sein. In Europa ist es die alternde Bevölkerung, die in einigen Jahrzehnten zu hohen Kosten für Pensionen, die Betreuung und Pflege von Menschen führen wird. Ich würde diese Herausforderungen unter dem Begriff der Nachhaltigkeit subsummieren. Fakt ist, dass der finanzielle Aufwand, eine Stadt zu verwalten, gestiegen ist. Die Hoffnung liegt darin, das Management komplexer und großer Strukturen effizienter und kostengünstiger zu machen, wodurch Mittel frei würden, andere Probleme, etwa Bildung, anzugehen.

Sind alle Technologien auch für Entwicklungsländer geeignet oder orientieren sie sich am Westen?

Kostakos: Das ist eine gute Frage. Viele Länder etwa in Afrika hinken technologisch so weit nach, dass sie gewisse Entwicklungen komplett überspringen, etwa den PC – sie sind aus dem Nichts beim Smartphone gelandet. Ich bin aber überzeugt, es gibt auch dort genügend kreative, intelligente, kluge Menschen, die sich dafür interessieren, was entwickelt wird, die die neuen Tools benutzen wollen und können.

Wohl existiert der „digital divide“, bezogen auf die generelle Bildung, Armut oder Zugang zu Technologien. Andererseits haben Social Media Revolutionen und große Entwicklungen angestoßen, Stichwort arabischer Frühling – ohne dass ich sagen könnte, ob das gut oder schlecht war. Technologie isoliert für sich zu kritisieren ist schwierig – man muss sie im Kontext betrachten. Ein korruptes Land wird durch den Einsatz moderner Werkzeuge nicht weniger korrupt.

Stichwort Smart Home – wird es künftig Wahlfreiheit geben, ob man so leben möchte?

Kostakos: Wahlfreiheit, bestimmte Technologien zu erwerben und zu installieren, wird auch in Zukunft bestehen. Das Problem ist allerdings, dass solche Technologien zu einer Art Ökosystem werden: Entscheidet man sich dafür, nicht mitzumachen, verliert man auch viele andere Vorteile, ähnlich wie bei Facebook: Wer aussteigt, verzichtet auf den Zugang zu bestimmten Nachrichten und Informationen. Wohnt man in Zukunft also nicht in einem Smart Home, brauchen Polizei oder Feuerwehr bei einem Notfall eventuell länger, zu kommen, oder man kann sich keine Einkäufe oder Essen nach Hause liefern lassen.

(Das Interview führte Sylvia Maier-Kubala/APA-Science)


Service

Österreichische Medientage 2016:
DBT-Panel zu Mythen und Trends im Digitalbereich

Digital Business Trends, Foto: APA




Die Initiatoren der Veranstaltungsreihe Digital Business Trends (DBT) Barbara Rauchwarter, Unternehmenssprecherin und Leiterin Marketing & Kommunikation der , und Alexis Johann, Geschäftsführer von , sprechen bei den Österreichischen Medientagen 2016 über Mythen und Trends im Digitalbereich. Sie stellen sich dabei der Frage, warum immer alles anders kommt, als wir ursprünglich dachten ...

Vortrag "Mythen und Trends im Digitalbereich"
Wann? Mittwoch, 21. September 2016, 14:00 bis 14:45 Uhr
Wo? WU Campus Wien, Library & Learning Center, Saal 2

Sie sind bei den Österreichischen Medientagen 2016 dabei? Dann freuen wir uns sehr, wenn Sie vorbeischauen!

Weitere Informationen



Media Innovation Day 2016: Virtual Reality & 360°  

Media Innovation Day 2016
Alle VR-Interessierten kommen diesen Herbst voll auf ihre Kosten – auch beim Media Innovation Day 2016 dreht sich alles um die Themen Virtual Reality und 360°. Die Vortragenden der internationalen Medienkonferenz in Wien thematisieren die immersive Kraft des VR-Storytelling.

Wann: Montag, 3.Oktober 2016, 9:00-16:00 Uhr

Wo: Telekom Austria – Lassallestraße 9, 1020 Wien

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