DBT Newsletter #15/2015

Big Data: "Menschen sind letztlich nicht ausrechenbar"

Präzise Prognosen oder Orakel von Delphi? Foto: APA/dpa








Der Frage, ob die wachsenden Datenmengen und immer besser werdenden Datenverarbeitungskapazitäten (im Fachjargon "Big Data") zu einer "gläsernen Zukunft" führen, gingen Diskutanten bei der Eröffnung des 29. Alpbacher Finanzsymposiums nach. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann brachte seine Skepsis zu Algorithmen und Trendforschung zum Ausdruck: "Die Menschen sind letztlich nicht ausrechenbar." 

Liessmann ortet eine verführerische Annahme, dass durch große Datenmengen die Prognosen treffsicherer werden könnten. Denn die Menschen hätten immer schon wissen wollen, was ihnen die Zukunft bringe. Dies erinnere an das Orakel von Delphi. Das menschliche Verhalten könne man aber auch mit vielen Daten letztlich nicht vorhersehen. "Die Trefferquoten des Orakels von Delphi lagen wesentlich höher als jene moderner Wirtschaftsprognosen", sagte der Philosoph. Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten ergänzte, dass niemand die Ukraine-Krise oder den Absturz des Ölpreises vorhergesagt habe. 

Die von Konzernen wie Amazon eingesetzten Algorithmen funktionierten nach dem Prinzip selbsterfüllender Prophezeiungen, indem sie aus vergangenem Verhalten die Zukunft berechneten. Das schließe aber Veränderungen und Innovationen aus, warnte Liessmann. Innovationskraft bedeute, mit unerwartetem Neuen umgehen zu können – was durch solche Computerprogramme verhindert werde. "Ich komme aus dieser Blase nie heraus." So schlage ihm Amazon etwa bei Büchern immer Philosophiebücher vor, während er auch für Kriminalromane zu begeistern wäre, brachte der Universitätsprofessor ein Beispiel. 

Algorithmen zeigen künftiges Verhalten

Im Science-Fiction-Film "Minority Report" habe man schon einige Schritte weiter gedacht: Wenn die gesammelten Daten indizieren, dass jemand voraussichtlich ein Verbrechen begehen werde, obwohl er selber noch nicht einmal daran gedacht habe, und er deswegen unschädlich gemacht werde, dann stelle das bisherige Vorstellungen auf den Kopf. Liessmann wandte sich an das Publikum von Finanzmanagern und forderte sie auf, sich so etwas für ihre Branche vorzustellen: "Sie sitzen hier relativ unbescholten. Stellen Sie sich vor, jemand würde kommen und Sie verhaften, weil ein Algorithmus festgestellt hat, dass Sie in einem halben Jahr einen großen Finanzbetrug begehen." 

Auch die neue "Apple Watch" sei ein Beispiel dafür: Die Computeruhr könne das Verhalten ihres Trägers analysieren und ihn etwa zu mehr Sport auffordern. Wenn diese Daten zur Krankenversicherung und zum Arbeitgeber kämen, drohten Folgen wie eine teurere Krankenversicherung und eine Kündigung wegen gesundheitlicher Risiken. Wichtig sei nicht, wieviel Daten gesammelt würden, sondern man müsse politisch entscheiden, wer wann was mit diesen Daten machen könne, so Liessmann. 

Großen Respekt äußerte Liessmann gegenüber Max Schrems, dessen Datenschutzklage gegen Facebook das transatlantische Abkommen "Safe Harbor" gekippt hat. "Kein Konzern, keine Bürgerinitiative, sondern ein einzelner Mensch hat diesen Kampf aufgenommen." Kritik übte der Philosoph an der Haltung der EU im NSA-Skandal. "Heute sagt man, na ja, da kann man halt nichts machen gegen die Amerikaner – im 19. Jahrhundert wäre ein solcher Umgang mit sensiblen Daten eine Kriegserklärung gewesen." 

Computer werden vom Assistenten zum Boss

Herbert Unterköfler, Geschäftsführer bei Korn Ferry, erwartet durch "Big Data" eine massive Veränderung der Arbeitswelt. Von Computern als Assistenten über "virtuelle Kollegen" werde die Entwicklung noch weitergehen: Im letzten Schritt übernehmen die Systeme dann die Kontrolle, sie werden zum "Boss", führte der Headhunter aus. Schon jetzt gebe es Autos, die den menschlichen Lenker bestimmte Manöver nicht mehr ausführen ließen, etwa einen Spurwechsel ohne Blinken oder knappes Auffahren auf das vordere Fahrzeug. "Das System übernimmt die Steuerungsfunktion", orakelte Unterköfler. Diese Entwicklung werde den Globus neu ordnen. 

Mit selbstfahrenden Autos beschäftigt sich Rupert Hofmann, Projektleiter in der Trendforschung bei Audi. Der Autokonzern wolle das künftige Mobilitätsverhalten erforschen, um nicht als Zulieferer zum Silicon Valley zu enden. Seiner Ansicht nach werden die Erkenntnisse durch Big Data zwar immer besser, sie müssten aber durch unternehmerisches visionäres Denken ergänzt werden. "Es geht darum, Zukunft zu machen und etwas Glaubwürdiges vorzuschlagen". Das wollte Liessmann nicht so stehen lassen: "Audi ist doch eine Tochter von VW. Wie können Sie ohne zu erröten den Begriff Glaubwürdigkeit in den Mund nehmen", empörte sich der Philosoph angesichts des Skandals um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren.


Experte sagt "Digitale Bildungsrevolution" voraus

Lehrer entwickeln sich vom Erzähler zum Lernbegleiter Foto: APA/dpa








"Die Bildung wird digital." Das prognostiziert der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung und frühere Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger in seinem neuen Buch "Die digitale Bildungsrevolution". "Dafür gibt's auch keinen Stoppknopf", betonte er vor Journalisten in Wien. "Es wird geschehen – ob wir das wollen oder nicht." 

Dabei gehe es aber nicht um Tablet-Klassen oder die Smartboards in den Schulen. "Das ist viel mehr." Als Beispiel nannte Dräger eine Brennpunktschule in New York City. Dort säßen 90 Kinder aus drei Jahrgängen in einem Klassenzimmer. "Jeder lernt für sich, alle digital – die einen schauen sich Videos am Tablet an, die anderen machen Lernspielen. Ok, und ein paar diskutieren auch miteinander." 

Am Nachmittag absolvieren dann alle einen Test, der über Nacht in einem Rechenzentrum per Computer ausgewertet wird, der für den nächsten Tag anhand der Testergebnisse für jeden Schüler ein maßgeschneidertes individuelles Lernprogramm zusammenstellt. Das wiederhole sich Tag für Tag. Ergebnis: "Die Schule verzeichnet um 50 Prozent mehr Lernfortschritt als eine 'normale' Schule – und das, obwohl 80 Prozent der Eltern Sozialhilfe beziehen." 

Multimedia bringt Zeit für persönliche Gespräche

Das verändere nicht zuletzt die Rolle des Lehrers, so Dräger: "Der Lehrer ist nicht mehr Erzähler, sondern Lernbegleiter." Dabei gelte oft: "Die Faktenvermittlung funktioniert oft besser mit einem zehnminütigen Video als mit 20 Minuten Erklärung durch den Lehrer. Die Zeit, die ich so gewinne, kann ich für Interaktion, für persönliche Gespräche mit den einzelnen Schülern nutzen – und wenn es über die Scheidung der Eltern ist." 

Anderes Beispiel: An einer Uni in Tennessee scheiterten zahlreiche Studenten, weil sie offenbar nicht einschätzen konnten, ob ein Studium für sie auch geeignet ist. Lösung: Ein Algorithmus – "so wie es Algorithmen für Amazon gibt, die anhand früherer Bestellungen wissen, was ich lesen oder hören will, oder für Netflix, die wissen, was ich sehen will", so Dräger. Die Daten der einzelnen Studenten über ihre bisherigen Kurse und deren Noten wurden mit einer halben Million Datenpunkten aus der Vergangenheit verknüpft – daraus erstellte der Computer Vorschläge für passende Kurse: Die Erfolgsquote stieg merklich an. 

Ein US-Start-up wiederum schaffe es, mittels eines 20-minütigen Computerspiels ein Kompetenzraster eines Menschen zu erstellen, das besser zeigt, ob dieser zu einem Jobprofil passt, als Lebensläufe, Prüfungsergebnisse etc. "Die können mit unglaublicher Präzision vorhersagen, ob jemand für einen Job geeignet ist oder nicht. 20 Minuten Computerspielen ist entscheidender als 20 Jahre Schule, Uni mit tausenden Seiten Hausarbeiten etc." 

Natürlich sei das alles immer mit Vorsicht zu betrachten, meinte Dräger. "Aber das ist natürlich ein Angriff auf bisherige Eliten und schafft auch ein Stück globale Gerechtigkeit." Deshalb müssten sich Politik und etwa Lehrerfortbildung überlegen, wie sie mit dieser Entwicklung umgingen. 

Europa hinkt noch deutlich hinterher

Während in Asien sowie Nord- und Südamerika alle bereits von digitaler Bildung redeten, hinke man in Europa da noch hinterher. In Deutschland – und wahrscheinlich auch Österreich – sei "der Druck noch nicht groß genug": "Die US-Amerikaner leiden unter einer erheblichen Kostenproblematik. Das Studium ist dort so teuer geworden, dass viele es sich nicht mehr leisten können. Uruguay hat Probleme, seine Lehrer zu finanzieren. Daher gilt dort vorerst mal: Digital ist besser als nix." So verfüge etwa ein deutsches Bildungs-Start-up mit einem seiner Programme dort über eine landesweite Lizenz, während es am Heimmarkt gerade einmal eine für 200 Schulen bekommen habe. 

Im Rechtebereich stellten sich derzeit auch noch zahlreiche Fragen, so Dräger. "Bisher haben die Lehrer ihre Materialien wie wild zusammengeschnipselt oder was rauskopiert. In dem Moment, wo alles digital wird, stellt sich natürlich die Frage, wem die Rechte gehören." oder: "Ist ein Lernprogramm, mit dem die Kinder täglich lernen, genauso genehmigungspflichtig wie ein Schulbuch?" 

Service: Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: "Die digitale Bildungsrevolution", DVA, 240 Seiten, 18,50 Euro, ISBN 978-3-421-04709-0


Mehr als jede dritte Firma ist in sozialen Netzwerken aktiv

Nutzung stark von Branche und Größe abhängig Foto: APA/dpa









Rund 39 Prozent der Firmen in Österreich sind in sozialen Netzwerken wie Facebook & Co. aktiv. Die Nutzung ist vor allem von der Branche und der Größe des Unternehmens abhängig. Während bereits 58 Prozent der Unternehmen ab 250 Beschäftigten soziale Netzwerke nutzen, sind es bei kleinen Betrieben mit 10 bis 49 Beschäftigten nur etwa 37 Prozent, gab die Statistik Austria bekannt. 

Besonders aktiv sind Firmen in den Branchen Beherbergung und Gastronomie sowie Information und Kommunikation. Bauunternehmen oder Firmen in den Bereichen Verkehr und Lagerwesen sind hingegen deutlich weniger auf Facebook & Co. präsent. Einen eigenen Webauftritt haben bereits 88 Prozent der heimischen Unternehmen, einen Shop aber immer noch relativ wenige. 14 Prozent der Betriebe ab 10 Beschäftigten verkaufen ihre Waren und Dienstleistungen über eine Website oder über Apps. Auch hier spielt die Größe des Unternehmens eine entscheidende Rolle. 

Bei den Firmen, die ihre Produkte nicht über das Internet zum Verkauf anbieten, gaben die meisten als Hauptgrund an, dass die Artikel nicht für den Web-Verkauf geeignet sind. Als weitere Gründe wurden logistische Probleme sowie hohe Einführungskosten genannt.


Immobilienplattform Zoomsquare auf Expansionskurs

Start-up bekommt Geldspritze von Risikokapitalgeber Hauser Foto: APA (Fohringer)









Die im Oktober 2013 gegründete Immobilien-Plattform Zoomsquare hat sich die Unterstützung des in England tätigen österreichischen Risikokapitalgebers Hermann Hauser gesichert. Kurz vor dem Abschluss seiner nächsten Finanzierungsrunde habe Zoomsquare den Einstieg von Hausers Fonds Amadeus Capital Partners vereinbart, teilte das Unternehmen mit. Für Hauser sei es das erste Investment in Österreich. 

Details des Deals wurden nicht bekanntgegeben, mit dem Geld will das Wiener Unternehmen die Expansion nach Deutschland Anfang 2016 finanzieren. Weitere Investoren sind Ex-Autoscout-CEO Alberto Sanz und der langjähriger Parship-Chef Arne Kahlk. Vor dieser Finanzierungsrunde habe Zoomsquare 1,1 Millionen Euro an Investorengeldern erhalten. "Gegen Sommer 2016" sei die erste große Finanzierungsrunde von Risikokapitalgebern (Series A-Finanzierungsrunde) geplant. 

Hauser, auch Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT), starte mit diesem Deal sein "Institute for Entrepreneurship Cambridge-Tirol" (I.E.C.T) mit Standort in Innsbruck. Von hier aus will er laut Zoomsquare seine Aktivitäten in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Oberitalien koordinieren. 

Die Spezialität von Zoomsquare ist es, Online-Immobilienangebote anderer Plattformen mit semantischer Textanalyse, Geocoding und Big-Data-Analyse zu durchsuchen und mit persönlichen Suchprofilen zu vergleichen. Dadurch soll die Immobiliensuche personalisierte Ergebnisse liefern. Nach eigenen Angaben hat Zoomsquare 1.000 indexierte Immobilienseiten und 110.000 durchsuchbare Immobilien in Österreich und verzeichnet 200.000 Unique Visits pro Monat.


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Digital Business Trends am 29. Oktober in Graz: "Neustart: Wie Österreich zum Start-up-Wunderland wird"

TV-Shows und Cover-Stories, Millionen-Deals, die aufhorchen lassen, ausgebuchte Festivals sowie enthusiastische Politiker und Unternehmer: Das Thema Start-ups scheint in Österreich einen Höhenflug sondergleichen hinzulegen.  

Glaubt man Experten, ist Euphorie aber alles andere als angebracht und das entsprechende Ökosystem gerade erst im Entstehen. Notwendig sind Risikokapital, unternehmerfreundliche Rahmenbedingungen, kooperationswillige Großbetriebe und Universitäten sowie erfolgreiche Gründungen als Leuchtturm-Projekte. Woran fehlt es und wie weit ist Österreich auf dem Weg zum "Start-up-Wunderland“?

Wann: 
Donnerstag, 29.10.2015, 
19:30 bis 23:00 Uhr

Ort:
Styria Media Center
Gadollaplatz 1
8010 Graz

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Der Wunsch, die Customer Journey vollständig erfassen zu können, ist nicht neu. Im Rahmen von Click-Only Traffic oder auch Paid-Traffic gibt es schon seit langem Lösungen. Allerdings war es historisch immer schwierig alle  Ad-Views ohne Klicks, generische Traffic-Kanäle und geräteübergreifende Journeys in einem holistischen Bild zu erfassen.

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