Der Mensch gehört wieder in den Mittelpunkt

von: Johann Čas, Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW 

Die digitale Transformation ist im vollen Umfang über uns hereingebrochen. Big Data, Internet of Things, soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz, Roboter und Industrie 4.0 sind nur einige Schlagworte, welche laufende oder bevorstehende Veränderungen beschreiben. Zu einem großen Teil werden diese Begriffe mit positiven Entwicklungen verbunden: neue Erkenntnisse, schnellere und effizientere Entscheidungen, die allgegenwärtige Verfügbarkeit von an persönlichen Bedürfnissen angepassten Diensten und Informationen, Kommunikation und Kontakte ohne Grenzen, selbstlernende Algorithmen und Systeme, Entlastung von schwerer oder stupider Arbeit oder eine neue Periode industrieller Prosperität in Europa.

Die reale Entwicklung entspricht in vielen Belangen ganz und gar nicht diesen Erwartungen. Big Data bewährt sich bei der Lösung von Teilproblemen, gesellschaftliche oder gesamtwirtschaftliche Fragen bleiben ausgeklammert oder werden negativ beeinflusst. Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Technologien bringt eine Datenverschmutzung mit sich, deren negative Auswirkungen auf das gesellschaftliche und politische Klima sich erst abzuzeichnen beginnen. Soziale Netzwerke haben ambivalente Auswirkungen auf ihre Mitglieder; Mobbing oder Radikalisierung sind unerwünschte Begleiterscheinungen, die Teilnehmer werden zu freiwilligen und unfreiwilligen Datenlieferanten, von denen in erster Linie die Betreiber der Netzwerke profitieren. Selbstlernende Systeme werden dazu missbraucht, mittels „Meinungsrobotern“ manipulative Informationen zu verbreiten und so nicht nur das Konsumverhalten, sondern Wahlen zu beeinflussen. Eine mögliche Entlastung von Arbeitnehmern durch digitale Technologien schlägt sich in erster Linie in steigender Arbeitslosigkeit nieder; diejenigen, die weiterhin den Beschäftigung stehen, erleben die Flexibilisierung im Wesentlichen als stetig steigende Anforderungen an ihren Arbeitseinsatz.

Es scheint, dass die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft nicht fähig oder nicht willens sind, die positiven Potenziale der Digitalisierung in einer Weise zu nutzen, die den individuellen und gesellschaftlichen Nutzen maximiert und die technische Entwicklung in eine Richtung zu lenken, die nicht soziale und politische Errungenschaften gefährdet, welche die Grundlage freier, moderner und gerechter Gesellschaften bilden.
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